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von O. Baumann und S. Ernst*
1) Situation
Formiersiebe sind ein wichtiger Bestandteil jeder Papermaschine und legen zusammen mit dem
Maschinenlayout den Grundstein für die Blattstruktur. Diese spielt eine entscheidende Rolle bei der
Effizienz des gesamten Herstellungsprozesses und der Papierqualität.
Entwicklungsgeschichte Formiersiebe
Die ersten Synthetik-Siebe haben in ihrer jahrzehntelangen Entwicklungshistorie einige
bahnbrechende Stufen durchlaufen. Zu Beginn wurde der Focus vordergründig auf die Laufzeit
gelegt. Erst mit der Einführung 2,5-lagiger Designs war auch eine Steigerung des Fasersupports
möglich und eine damit verbundene Verbesserung der papiermacherischen Eigenschaften von
Formiersieben. Der letzte große Schritt war die Entwicklung der SSB-Siebe, denen eine
Technologie zu Grunde liegt, die den Formiersiebmarkt nachhaltig beeinflusst hat. In Westeuropa
hat diese Technologie in den letzten 10 Jahren ca. 80% des Marktes erobert. (Abb.1)

Abb. 1: Formiersiebentwicklung der letzten 30 Jahre
1.2. Marktanforderungen
Die Papierindustrie muss sich immer schneller immer anspruchsvolleren Rahmenbedingungen
stellen: Gestiegene Produktionskosten sowie die weltweit steigende Nachfrage nach Zellstoff
wirken sich auf die Rohmaterialkosten aus. Durch die zunehmende Nachfrage aus Asien - allen
voran China - dürfte diese Entwicklung noch an Dynamik gewinnen. Die Energiepreise sind rasant
angestiegen. Es wird erwartet, dass diese Entwicklung sich künftig noch verschärft. Energie bleibt
weiterhin ein starker Kostentreiber, obwohl der Produktionsprozess in den letzten Jahren schon
stark optimiert wurde (weniger Strom, weniger Wasser pro Tonne Papier). Der Druck auf die
Papiermacher, Produktionsprozesse noch effizienter zu gestalten, steigt weiter. Gleichzeitig
steigen die Anforderungen an die Papierqualität. In beiden Bereichen hat die Bespannung einen
erheblichen Einfluss.
* Oliver Baumann, XERIUM Technologies, Inc., Technical Director Forming Fabrics
Stephan Ernst, HUYCK.WANGNER Europe, Product Manager Forming Fabrics
2.) Entwicklung und Ergebnisse
Die Papiersuspension besteht aus Fasern, Füllstoffen, chemischen Hilfsmitteln und Wasser. Das
Formiersieb hat primär die Aufgabe zu entwässern und dabei ein initiales Blatt zu bilden, das im
nachfolgenden Prozess des Blattaufbaus die Entwässerung und die Retentionseigenschaften reguliert
(Abb. 2)

Abb. 2: Initialer Blattaufbau
Schon ein sehr dünnes Faservlies besitzt einen höheren Entwässerungswiderstand als das eingesetzte
Sieb. Die Entwässerungsmenge wird damit hauptsächlich durch das Entwässerungsverhalten des
Faservlieses bestimmt. Die Siebeigenschaften beeinflussen jedoch die sich bildenden Faservliese und
deren Filtrationseigenschaften.
Aktuelle Formerkonzepte (Roll-Blade Former) versuchen aktiv in die initiale Blattbildung einzugreifen,
wie die neuesten Entwicklungen der Shoe- und Counterblade-Positionierung zeigen. So wird der
Abstand zwischen der Formierwalze und den Aktivitätsleisten immer kleiner, um die höhere Mobilität
der Faser zur Formationsverbesserung auszunützen.
2.1. Definition der Entwicklungsziele
Die am Markt eingesetzten SSB-Siebe wurden in den letzten Jahren permanent weiterentwickelt
und hinsichtlich Blattbildungseigenschaften ausgereizt. Ziel der neuen Formiersiebtechnologie
EDC von Huyck.Wangner ist, die bestehende Limitation bei den Entwässerungseigenschaften und
dem Fasersupport zu eliminieren.
Wie bereits beschrieben, wird die Leistungsfähigkeit eines Formiersiebes entscheidend durch sein
Verhalten im Bereich der Initialentwässerung bestimmt. Mittels Abstraktion wurde der Fokus von
der Gewebestruktur auf einen speziell geformten Entwässerungskanal gelegt, der in Verbindung
mit der papierseitigen Topographie den Ausschlag für eine optimale Blattbildung gibt.
Daraus lassen sich folgende Eigenschaften für das optimal gebildete initiale Blatt ableiten:
- verbesserte Blattformation durch kontrollierte Entwässerung
- Retention Fein- und Füllstoffe
- offene Struktur für leichtere Entwässerung an allen Entwässerungselementen.
Praktische Erfahrungen zeigen, dass sich bei einer genügend offenen Blattstruktur erhebliche
Vorteile in der Gesamtentwässerung ergeben, wohingegen ein zu dichtes Blatt zu einer erhöhten
Entwässerungsresistenz führt. Die Strömungsgeschwindigkeit auf der Papierseite des
Formiersiebes hat einen signifikanten Einfluss sowohl auf die Porosität des initialen Faservlieses
als auch auf die Mobilität der Fasern. Größere Fasermobilität schlägt sich in deutlichen
Formationsverbesserungen nieder. Eine größere offene Fläche an der Papierseite führt zu einer
niedrigeren Strömungsgeschwindigkeit und hält das initiale Blatt offen. Um die Entwässerung zu
kontrollieren, ist es erforderlich die Laufseite des Siebes entsprechend zu schließen.
Kernziel der Entwicklung von EDC war, eine Technologie zur Verfügung zu stellen, deren
Entwässerungskanäle den initialen Blattaufbau optimal kontrollieren und somit das
Betriebsfenster der Papiermaschine erweitern.
2.2. Umsetzung in eine Siebstruktur
Beschreibung des optimalen Entwässerungskanals im Formiersieb:
- Da die meisten Fasern den Stoffauflauf längsorientiert verlassen, sollte der
Entwässerungskanal an der Papierseite möglichst stark querorientiert sein.
- Eine große offene Fläche an der Papierseite ist essentiell hinsichtlich Entwässerungskapazität
und Fein- sowie Füllstoffretention. Damit kann - bei gleichzeitig relativ geringer
Fließgeschwindigkeit in der Blattbildungsebene - eine größere Wassermenge durch das
Formiersieb treten. Diese schonende Entwässerung verbessert das Retentionsverhalten und
reduziert gleichzeitig die Siebmarkierung.
- Zur Kontrolle dieses Flusses ist eine reduzierte offene Fläche auf der Laufseite nötig.
- Die Siebdicke, respektive die Entwässerungskanallänge in Z-Richtung muss für eine rasche
Wasserabführung möglichst gering sein.
- Der Dickenverlust über die Sieblaufzeit soll möglichst gering sein, um eine konstante Leistung
des Formiersiebes über den gesamten Lauf zu erzielen.
Die obige Beschreibung des perfekten Entwässerungskanals kann nur durch eine grundsätzliche
Änderung in der Siebstruktur erreichet werden. EDC (Engineered Drainage Channels) Designs
zeichnen sich deshalb durch eine spezielle Kettkonstruktion (Kette = Monofile in
Maschinenrichtung) aus, die Offenheit and der Papierseite und Geschlossenheit auf der Laufseite
garantiert. In Verbindung mit verschiedenen Schussverhältnissen werden die
Entwässerungskanäle auf die entsprechenden Applikationen angepasst.
Siebdicke und Freies Porenvolumen werden hierbei durch die Feinheit der eingesetzten Monofile
beeinflusst. Das heißt, es sind mehrere verschiedene Kettkonstruktionen notwendig, um das
gesamte Anwendungsspektrum abzudecken.
2.3. Simulationsergebnisse
Um den Entwässerungskanal sichtbar zu machen, wurden verschiedene Versuche gemacht bzw.
unterschiedliche Verfahren eingesetzt. Am Anfang stand eine Computersimulation der
Massenverteilung über die Gewebedicke eines Formiersiebes, welche deutliche Unterschiede
zwischen verschiedenen Siebtypen aufzeigt. Dadurch wurde eindeutig erkennbar, welchen
Einfluss der Kanal auf die Blattbildung haben muss (Abb.3). Wie hieraus ersichtlich, wird bei einem
EDC-Design die Masse in Richtung Laufseite verlagert, im gezeigten Beispiel verändert sich der
engste Querschnitt im Vergleich der beiden Designs erheblich. Das Ergebnis basiert auf einem
speziell geformten Entwässerungskanal. Dieser Entwässerungskanal kann nachfolgend durch
verschiedene Schussdichten beeinflusst werden. Mit der entwickelten Software kann jeder nur
denkbare Kanal simuliert werden.

Abb. 3: Darstellung der Massenverteilung
Um nicht nur theoretische Zahlen und Daten über die Form des Entwässerungskanals zu erhalten,
wurden Computertomographiebilder erstellt. Vorteil dieser Methodik ist, dass reale 3D-Bilder der
Formiersiebe (Abb. 4) entstanden sind. Diese Bilder konnten dann als Basis für ein
Entwässerungsmodell verwendet werden.

Abb. 4: 3D Computertomographie eines SSB-Siebes
Ziel des Entwässerungsmodells war, die unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten entlang des
Entwässerungskanals darzustellen. Abb. 5 zeigt einen Vergleich der Fließgeschwindigkeiten auf
der Blattbildungsebene zwischen einem SSB- und einem EDC-Design. An der SSB-Papierseite
werden relativ hohe Geschwindigkeiten erreicht (= viele rote und gelbe Bereiche).
Die EDC-Konstruktion hingegen zeigt deutlich geringere Fließgeschwindigkeiten (= viele blaue und
grüne Bereiche). Für das EDC-Design bedeutet dies einen schonenderen und kontrollierteren
Blattaufbau. Darüber hinaus wird auf Abb. 5 die starke Querorientierung und die große Freie
Fläche an der Papierseite des EDC-Siebes sichtbar.
Die Modellierung der Entwässerungskanäle mittels Computertomographie zeigt Abb. 6. Auf dieser
Basis wurde die Fließgeschwindigkeit mit einem 3D-Strömungsmodell durch den gesamten
Siebkörper simuliert. Abb. 7 zeigt die insgesamt geringere Entwässerungsgeschwindigkeit über
den gesamten Querschnitt bei EDC-Designs und belegt somit das "sanftere"
Entwässerungsverhalten.

Abb. 5: Maschenorientierung und Entwässerungs- geschwindigkeit |

Abb.6: EDC Entwässerungskanal
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Abb. 7: Fließgeschwindigkeiten über den Siebquerschnitt
3.) Anwendungsmöglichkeiten und Praxisergebnisse
Die ersten Applikationen wurden zielgerichtet zusammen mit den Kunden definiert und
weiterentwickelt. Die Resultate der ersten Läufe bestätigen ausnahmslos den theoretischen Ansatz
von EDC.
3.1. Anwendungsspektrum
Durch die Möglichkeit, verschiedene Monofil-Stärken und -Dichten zu kombinieren, entstehen
keinerlei Limitationen hinsichtlich der Anwendungsoptionen. Grundsätzlich kann diese
Technologie auf allen Papiermaschinentypen und Papiersorten eingesetzt werden. Zurzeit liegt
der Fokus mit mittleren bis hohen Kettfeinheiten auf dem Segment der graphischen Papiere.
3.2. Erste Praxisergebnisse
Eine Theorie ist immer nur so gut wie der praktische Nachweis gelingt. EDC-Designs wurden
bereits auf verschiedenen Papiermaschinen mit unterschiedlichen Papiersorten erfolgreich
erprobt. Die Ergebnisse bestätigen die theoretische Zielsetzung, da sie gleichzeitig eine erhöhte
Entwässerungsleistung mit zusätzlicher Effizienzsteigerung und verbesserter Papierqualität
brachten.
Im Einzelnen wurden folgende Resultate dokumentiert
- Gapformer für LWC: Energieeinsparungen in der Stoffaufbereitung mit geringerwertigem
Rohstoff bei gleich hoher Papierqualität
- Gapformer für LWC: Geschwindigkeitssteigerung je nach Sorte um bis zu 4%, zusätzliche
Tonnage
- Gapformer für Zeitung: Höherer Trockengehalt am Pick-up, verbesserte Effizienz, zusätzliche
Tonnage
- Hybridformer für LWC: Geschwindigkeitssteigerung je nach Sorte um bis zu 7%, zusätzliche
Tonnage
- Hybridformer für Streichrohstoff: Effizienzsteigerung und Geschwindigkeitssteigerung je nach
Sorte um bis zu 9% bei gleichzeitig verbesserter Papierqualität (Abb.8)
- Langsieb für Dekor: Verbesserte Titandioxid-Retention um mehr als 3%, was eine erhebliche
Kosteneinsparung darstellt.

Abb. 8: Formationsverbesserung
Insgesamt deuten die bislang erzielten Ergebnisse eindeutig auf eine schonendere
Initialentwässerung hin, die zu einer optimierten Blattstruktur führt.

Abb. 9: Blattbildungseigenschaften im Vergleich
4.) Zusammenfassung der Ergebnisse und Vorteile
Die ersten Ergebnisse zeigen auch, dass die Entwässerungsleistung nicht alleine ausschlaggebender
Parameter für PM-Effizienz und Papierqualität ist. Entscheidend ist vielmehr, die Entwässerung auf die
anwendungsspezifischen Anforderungen abzustimmen, sprich alle Einflussfaktoren für die optimale
Blattbildung auszubalancieren. EDC bietet hierbei die Möglichkeit, den Blattaufbau grundsätzlich zu
verändern. Das Ergebnis ist ein erweitertes Betriebsfenster der PM ohne Limitationen in der
Papierqualität. Damit läutet EDC eine neue Generation von Formiersieben ein, die bestehende
Barrieren überwinden und neue Möglichkeiten der Prozessoptimierung eröffnen (Abb. 9).
Zusammengefasst ergeben sich folgende Vorteile:
- Schonende Initialblattbildung für beste Formation und geringste Porosität
- höherer FSI im Vergleich zu allen konventionellen SSB-Sieben
- größte offene Fläche (SOA) auf der Papierseite
- optimale Entwässerungskontrolle durch speziell konstruierte Entwässerungskanäle
- Retentionseigenschaften
- erhöhte mechanische Retention (Fasern) durch gesteigerte Schusszahl auf der
Papierseite (FSI)
- Verbesserte hydrodynamische Retention (Fein- und Füllstoffe) durch reduzierte max.
Fließgeschwindigkeit des Wassers in der Blattbildungsebene (hohe SOA auf PS,
reduzierte SOA auf LS)
- Profilqualität
- höhere Biegesteifigkeit als vergleichbare Standard-SSBs: optimale Querprofile.
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